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Samstag, 6. Juli 2024

Kommunen bekämpfen Insektensterben

Seit Veröffentlichung der Krefelder Studie, wonach in den vergangenen 25 Jahren bei Insekten 75 Prozent der Biomasse eingebüßt worden sind, gibt es immer mehr Initiativen, um das Insektensterben abzumildern. Weitgehend einig sind sich die Experten, dass die intensive Landwirtschaft den größten Anteil an der Entwicklung verschuldet. Effektive Abhilfe kommt dagegen häufig aus den Städten.



In Baden-Württemberg werben einige Kommunen bereits mit insektenfreundlichen Friedhöfen. Nachdem der Bund für Umwelt und Naturschutz in Stuttgart drei Gräber durch eine insektenfreundliche Bepflanzung richtiggehend belebt hat, raten sie zum Verzicht auf traditionelle Pflanzen und zur Verwendung von Natternkopf, Glockenblume, Storchenschnabel und Ochsenzunge. Sie seien nicht nur für die Tiere gut, sondern kämen auch mit weniger Pflege und Wasser als exotische Pflanzen aus.


Zudem haben die Städte die Grünpflege in eigener Verantwortung umgestellt, wie Peter Weißhuhn von der Naturschutzorganisation WWF mitteilte. Die Stadtgärtnereien hätten Rasen aus Grünstreifen und Verkehrsinseln verbannt und dort Blühmischungen ausgebracht, die nur dann gemäht würden, wenn es den Insekten nichts mehr ausmache.

Bilder: Universität Ulm

Derzeit wird die Zahl der Insektenarten in Deutschland auf 33.500 und weltweit auf 1,2 Millionen geschätzt. Während sie für Menschen oft ohne Bedeutung oder sogar nur lästig sind, bilden sie die Basis der Nahrungskette. Wenn diese Grundlage ins Wanken gerät, macht sich das aber auch am Ende dieser Kette bemerkbar, wo die Menschen stehen.

Privathaushalte rief das Senckenberg Deutsche Entomologische Institut auf, in ihren Gärten mehr Unordnung zuzulassen. "Englischer Rasen ist der Tod der Insekten", sagte Direktor Thomas Schmitt. Wenn es keine Insekten mehr zur Bestäubung der Nahrungsmittelpflanzen gebe, müssten Menschen auf Äpfel, Birnen und Heidelbeeren verzichten. Übrig blieben nur Kartoffeln, Getreide und Mais.

Selbst Mistkäfer seien lebenswichtig, weil sie Kot und Kadaver anderer Tiere abbauten. Würde diese Tätigkeit nicht mehr verrichtet, wäre eine Invasion von Maden und Fliegen die Folge. Das "Insekt des Jahres" leide aber unter dem Verlust von Lebensraum und der immer üblicheren Entwurmung von Weidetieren.

Dienstag, 25. Juni 2024

Nach Beruhigung beim Schwärmen jetzt Aufregung um Wespen

So allmählich dürften sich bei uns Imkern die panischen Anrufe legen, dass sich ein Bienenschwarm irgendwo niedergelassen hat. Allerdings wird das Telefon nicht lange stillstehen, weil jetzt vermehrt Wespen die Nähe von Menschen suchen, um ihre Ernährung zu sichern. Denn wenn die meisten Blühpflanzen durch sind, haben Wespen hohen Nahrungsbedarf, weil sie männliche Nachkommen und Jungköniginnen nachziehen.


Allerdings kommen nur zwei der zwölf in Bayern einheimischen Wespenarten tatsächlich an den gedeckten Tisch: die Gewöhnliche Wespe und die Deutsche Wespe, wie der zertifizierte Hornissen- und Wespenberater des Bund Naturschutzes in München, Hans Greßirer, mitteilte. Die anderen zehn Arten seien Insektenjäger und fütterten ihren Nachwuchs mit Fliegen, Mücken, Motten, Spinnen oder auch Aas. Dadurch avancierten sie zu einer tierischen Gesundheitspolizei, die eine wichtige Position in der Nahrungskette und in den Ökosystemen besetze.

Um sich an der Kaffeetafel im Garten der Wespen zu erwehren, sei es gut, schon vorbeugend etwas abseits regelmäßig Wurst, Schinken, Marmelade oder überreifes Obst auszulegen, riet der Experte. Wespen gewöhnten sich rasch an solche Ablenkfütterungen und ignorierten dann den für Menschen gedachten Kuchen. 

Zwei Königinnen an Ablenkfutterstelle (Foto: Hans Greßirer)

Angesichts des dramatischen Insektensterbens sollten Wespen und Hornissen nicht getötet werden. Von den etwa 600 in Deutschland heimischen Wespenarten seien 255 gefährdet, weil sie keine geeigneten Lebensräume mehr finden. Nester in Rolladenkästen oder Dachböden sollten deshalb geduldet werden. Wenn sie im Herbst natürlich abgestorben sind, sollten die Nester entfernt, die Stellen gründlich gereinigt und die Zugänge gegen Neubesiedelungen abgedichtet werden.

Wer Wespennester dennoch umsiedeln lassen möchte, kann sich an den Bund Naturschutz, 089/515676-0, info@bn-muenchen.de, wenden. In Notfällen hilft außerdem die Feuerwehr, erreichbar über die Notrufnummer 112.

Freitag, 21. Juni 2024

Hummel-Challenge 2024

Das Thünen-Institut in Braunschweig hat zur dritten Hummel-Challenge aufgerufen. Noch bis 3. Juli können Fotos entweder auf die Website Observation.org hochgeladen oder über die kostenlose App ObsIdentify - dafür ist aber ein Benutzeraccount nötig - gemeldet werden. 


Da Hummeln am besten beim Blütenbesuch zu fotografieren sind, hofft das Institut darauf, neben den vollständig abgebildeten Tieren auch die Futterpflanzen erkennen zu können. Pro Meldung könnten auch mehrere Bilder der Hummel aus unterschiedlichen Perspektiven eingereicht werden. Dann falle die wissenschaftliche Bestimmung leichter. Für die Teilnehmer*innen wertet die KI die Bilder sofort aus und bestimmt die Art.

Am Thünen-Institut geht es neben der Forschung an Hummeln als wichtigste Bestäubergruppe auch um die erfassten Geodaten. Sie gäben Aufschluss über die Verbreitung der Tiere und womöglich auch Hinweise für die Landwirtschaft, erklärten das Institut und die Projektverantwortliche beim Bund Naturschutz, Martina Gehret. Die Umweltorganisation unterstützt die 2022 eingeführte Hummel-Challenge und ruft ihre Mitglieder regelmäßig dazu auf, sich an dem Citizen-Science-Projekt zu beteiligen, um den Zustand und die Entwicklung von Wildbienenbeständen in Deutschland abklären zu können.

Männliche Erdhummel (Foto: Thünen-Institut/Josephine Kulow)

Während zum Auftakt der 2024er-Challenge im Frühjahr schon die Hummelköniginnen gemeldet werden sollten, legen die Wissenschaftler bei der Auswertung dieser Sommerzählung das Augenmerk auf männliche Hummeln. Auf die Ergebnisse der Studie darf man jetzt schon gespannt sein...

Samstag, 18. Mai 2024

Unbekannte Wespenart in Bernstein entdeckt

Insektenforscher aus Deutschland und Frankreich haben in einem 100 Millionen Jahre alten Bernstein eine bislang unbekannte Wespenart entdeckt.


"Es handelt sich um ein lange gesuchtes Puzzleteil, das uns hilft, die Stammesgeschichte dieser heute nahezu weltweit verbreiteten Wespengruppe zu verstehen", teilte Volker Lohrmann vom Übersee-Museum Bremen mit, der die Wespe im Fachblatt "Insects" beschrieb. Die heutigen Verwandten ließen sich weltweit finden, auf allen Kontinenten abgesehen von der Antarktis. In Deutschland würden die sogenannten Plattwespen sogar als Nützlinge zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt.

Ein privater Sammler aus Niedersachsen hatte den Bernstein aus der Kreidezeit im Norden Myanmars entdeckt und der Forschung überlassen, da zur Untersuchung der eingeschlossenen Schätze hochauflösende Mikroskope nötig sind. Da der betroffene Stein aber durchsichtig ist, dämmerte bereits bei der lichtmikroskopischen Untersuchung, dass es sich um einen aufregenden Fund handelte.


Der Abgleich des Fossils mit der wissenschaftlichen Literatur ergab, dass es sich um eine Wespenart einer bisher unbekannten Gattung handelt. Das Fossil der "Hukawngepyris setosus" stellte sich dann als fast doppelt so alt heraus wie die bisher bekannten ältesten Vertreter der Plattwespen. So aufregend der Einzelfund auch sei, sagte Lohrmann, aber er werfe mehr Fragen auf, als er Antworten gebe. Denn der Bernstein eröffne als einmaliges Fenster einen Blick in die Welt vor etwa 100 Jahren, aber gebe keine Auskunft darüber, wo die Wespe damals verbreiten war oder wann und warum sie ausstarb.

Samstag, 11. Mai 2024

Immer häufigere Sichtung von Asiatischen Hornissen


Die eingeschleppte Asiatische Hornisse hat sich im vergangenen Jahr rasant ausgebreitet. In Bayern wurden in den Landkreisen Aschaffenburg und Miltenberg fünf Nester entdeckt. Im Süden des Freistaats könnte die Art von Österreich her einwandern, aktuell wurden Exemplare bereits in Salzburg gefangen. - Der Trend verheißt aus Expertensicht nichts Gutes. Das Tier, das sich von Honigbienen und anderen Insekten ernährt, breitet sich durch den Temperaturanstieg rasanter als schon befürchtet aus und dürfte sich nach einem milden Winter ohne dauerhaften Frost heuer nochmals stark vermehren.

Die Universität Hohenheim pflegt zwei Karten mit Standorten von Sichtungen: eine von Baden-Württemberg, die ständig aktuell gehalten wird, und eine von ganz Deutschland, die Auskunft über das abgelaufene Jahr gibt (hier der Link). Demnach gab es 2023 allein beim westlichen Nachbarn Bayerns 550 gemeldete Nester - was einer Verzwanzigfachung des Aufkommens gegenüber 2022 bedeutete.


  
Der Nabu-Landesverband Baden-Württemberg warnte vor nicht abzusehenden Gefahren für die heimische Insektenwelt und sogar die Landwirtschaft. Denn ein Nest mit etwa 1.000 Asiatischen Hornissen verbrauche deutlich über elf Kilogramm Insekten pro Jahr und fresse auch Obst. Einer Studie zufolge waren die Schäden durch die Vespa velutina im Obst- und Weinbau in Galizien und Portugal im vergangenen Jahr erheblich.

Dienstag, 7. Mai 2024

Lichtverschmutzung in Bayern zurückgegangen

Bayerns Städte halten sich laut einer Stichprobe des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz (LBV) überwiegend an die Vorgaben zur Lichtverschmutzung. Dies schloss der Verband aus einer Untersuchung per Stichprobe in etwa 70 bayerischen Groß- und Kleinstädten.

Bild: LBV

Der Freistaat hatte den Kommunen nach dem "Rettet die Bienen"-Volksbegehren im Jahr 2019 Vorgaben gemacht, um Lichtverschmutzung zu verringern. Öffentliche Gebäude dürfen seither nach 23.00 Uhr nicht mehr angestrahlt werden. Beleuchtete Werbetafeln und auch sogenannte Himmelsstrahler sind zudem verboten.

Die Untersuchung des LBV zeigte demnach, dass sich 80 Prozent der in die Stichprobe aufgenommenen Kommunen an die Vorgaben halten. Das sei "ein Anfang mit Vorbildcharakter", lobt LBV-Vorsitzender Norbert Schäffer. Aber in zwölf Prozent der Fälle sei die Beleuchtung auch nach 23.00 Uhr noch angeschaltet gewesen. 

Insbesondere Insekten werden laut LBV von künstlichem Licht angezogen und sterben dann aufgrund von Erschöpfung oder durch Verbrennen. Zugvögel verlören zudem ihre Orientierung, und auch Menschen schliefen bei zu viel Licht schlechter. "Wir müssen uns klarmachen, dass wir mit künstlicher Beleuchtung Tieren und Pflanzen Lebensräume entziehen. Unser ohnehin stark gestresstes Ökosystem gerät damit weiter unter Druck", sagte Schäffer.

Samstag, 27. April 2024

Broschüre zur Bestimmung von Wildbienen


Das bundeseigene Johann Heinrich von Thünen-Institut in Braunschweig hat eine ausführliche Broschüre zur Bestimmung von Wildbienen herausgegeben. Das Augenmerk liegt ausschließlich auf in Hohlräumen nistenden Wildbienen und Wespen, damit Menschen, die Nisthilfen in ihrem Umfeld aufstellen, auch wissen, für welche Hautflügler sie das tun.


Die Broschüre ist nicht nur schön aufgemacht und gut bebildert, sondern dokumentiert die verschiedenen Entwicklungsstufen der Insekten - vom Ei über die Larven bis zum geschlüpften Insekt, so dass die Bestimmung wirklich in jedem Stadium gelingt.


Ergänzt werden die Grafiken und Fotos mit grundlegenden Informationen über die Lebensweise der Insekten, die idealen Ökosysteme und über ihre Gegenspieler. Auf Landkarten wird zudem abgebildet, wo die Arten in Deutschland vertreten bzw. gefährdet sind. Die wirklich äußerst informative und hilfreiche Broschüre ist hier herunterzuladen.

Samstag, 3. Februar 2024

Stierkäfer zu Insekt des Jahres gewählt

Der Stierkäfer ist zum Insekt des Jahres 2024 gewählt worden. Er ist von Nordafrika über West- und Mitteleuropa bis ins Baltikum verbreitet und in Deutschland in allen Bundesländern zu finden.


Er mag besonders lichte Wälder und sandige Böden, in denen er seine Tunnel und Brutkammern am besten anlegen kann. Typhaeus typhoeus, wie sein zoologischer Name ist, ernährt sich vom Kot pflanzenfressender Tiere. Damit spielt er für das Ökosystem eine wichtige Rolle. Aber auch seine Ernährung ist nicht mehr "so gesund" wie früher. Denn viele Halter von Nutztieren behandeln diese nicht nur bei akuten Krankheiten und Parasitenbefall, sondern vorbeugend. Besonders Entwurmungsmittel werden regelmäßig prophylaktisch gegeben. Die Tiere scheiden die überschüssigen Wirkstoffe wieder aus - und führen dadurch zum Tod vieler Mist- und Dungkäfer oder zumindest zu deren eingeschränkter Fortpflanzung.

Außerdem ist die Stallhaltung problematisch, weil nachtaktive, eher versteckt lebende Stierkäfer keinen Zugang mehr zu Gülle und Mist finden. Auch deshalb stellen Wissenschaftler schon seit den 80er-Jahren einen starken Rückgang der Populationen fest.

Den Kot von Kaninchen, Rehen, Rindern, Schafen oder Pferden schiebt der Stierkäfer als Kugel durch die engen Gänge in seine Brutkammern. Dabei kann er mehr als das Tausendfache seines Eigengewichts transportieren - in bis zu 1,50 Metern Tiefe. Ist die Larve aus dem Ei geschlüpft, kriecht sie zur Brutpille und ernährt sich von ihr. Die Entwicklung zum Käfer dauert dann etwa ein Jahr.


Seinen wissenschaftlichen Namen verdankt der 14 bis 20 Millimeter lange Typhaeus typhoeus dem Typhon, einem Riesen mit 100 Drachenköpfen aus der griechischen Mythologie. Sein deutscher Name "Stierkäfer" kommt nicht von seinen Kräften, sondern von den drei Hörnern des männlichen Tiers. Die beiden äußeren sind wie beim Stier nach vorn gerichtet und werden beim Kampf gegen Rivalen und zum Schutz der Nistplätze verwendet. 


Der ökologische Wert des kleinen Käfers ist immens. Denn bei der Verwertung des Kots werden Pflanzensamen befördert und zugleich die Entwicklung von Fliegen und Würmern eingeschränkt. Neueren Erkenntnissen zufolge reduzieren die Käfer dabei zugleich die Emission von Treibhausgasen aus den Kuhfladen. In Großbritannien wurde der Wert dieser "kostenlosen Dienstleistungen" der Stiefkäfer auf über 400 Millionen Euro pro Jahr berechnet. Dort gelten der Stierkäfer und seine Kollegen mittlerweile als echter Wirtschaftsfaktor.

Dienstag, 30. Januar 2024

Sonderschau zu Tierarten in Bernsteinen

 

Die Friedrich-Schiller-Universität Jena hat in ihrem hochschuleigenen Phyletischen Museum eine neue Sonderschau zu bislang unbekannten Arten von Insekten in ihrer Bernsteinsammlung eröffnet. Näher unter die Lupe genommen werden darin etwa Staubläuse und Stachelkäfer, teilte die Hochschule mit. Viele Objekte hätten jahrzehntelang unbeachtet in den Archiven geschlummert und seien erst während der Schließzeiten wegen Corona von den Mitarbeitenden zu Tage befördert worden.

Auf Karteikarten sei zwar festgehalten gewesen, dass das Museum über etwa 160 Stücke Rohbernstein in der Größe von wenigen Millimetern bis zu etwa 15 Zentimetern verfüge, erklärte Sammlungsleiter Bernhard Eck. Aber die Exponate seien nie wissenschaftlich bearbeitet worden. Bei der näheren Betrachtung während der Pandemie seien aber Bienen, Käfer, Ameisen und urzeitliche Termiten im Bernstein entdeckt worden, die offenbar im Gänsemarsch unterwegs gewesen seien, als das Baumharz auf sie tropfte. Mit moderner Röntgen-Technologie seien die Bernsteine daraufhin ausgewertet worden. Die dabei gewonnenen Bilder seien Teil der Schau, zeigten sie doch unter anderem die Facettenaugen der nur millimetergroßen Insekten und feinste Härchen an deren Beinen. Durch die moderne Technik hätten nicht nur die Arten exakt bestimmt werden können, sondern auch deren Alter. Ein neu entdeckter Stachelkäfer habe beispielsweise 40 Millionen Jahre in dem Baumharz überdauert.

Die Ausstellung "Electrum Mundi - Bernsteinwelten" ist im Phyletischen Museum der Universität Jena immer dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr zu sehen sowie samstags und sonntags von 10 bis 16 Uhr.

Samstag, 9. Dezember 2023

EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur - oder doch nicht?

Der Umweltausschuss des Europaparlaments hat das sogenannte Gesetz zur Wiederherstellung der Natur beschlossen. Einige Parlamentarier und Vertreter der EU-Staaten hatten den angenommenen Kompromissvorschlag ausgehandelt. Bis zur Abstimmung war unklar gewesen, ob die konservative Europäische Volkspartei (EVP) - die größte Fraktion im Parlament - das Gesetz mittragen würde, da verschiedene Landwirtschaftsverbände auch die stark abgeschwächte Version des Gesetzes kritisiert hatten. Jetzt müssen die EU-Staaten und das Plenum des EU-Parlaments das Gesetz noch ratifizieren. Beides gilt jedoch als wahrscheinlich.

Das Gesetz soll dafür sorgen, dass in der EU künftig mehr Wälder aufgeforstet, Moore wiedervernässt und Flüsse in ihren natürlichen Zustand versetzt werden. Hintergrund des Vorhabens ist, dass nach EU-Erhebungen rund 80 Prozent der Lebensräume in Europpa in einem schlechten Zustand sind. Zudem seien zehn Prozent der Bienen- und Schmetterlingsarten vom Aussterben bedroht und 70 Prozent der Böden in einem ungesunden Zustand. Die EU-Staaten sollen bis 2030 auf mindestens 20 Prozent der Land- und Meeresflächen Maßnahmen durchführen, um wieder einen besseren oder gleich guten Zustand herzustellen. Bis 2050 müssen alle jetzt bedrohten Ökosysteme wiederhergestellt sein.

Der Naturschutzbund Nabu kritisierte "schmerzhafte Abstriche" in dem Gesetz. Es seien "erhebliche Schlupflöcher" hinzugefügt worden, die die insgesamt wiederherzustellende Fläche wieder verringern könnten. Zudem werde den EU-Staaten eine "Notbremse" gewährt, die schon bei steigenden Lebensmittelpreisen gezogen werden könne. Die Umweltorganisation WWF beklagte den "sehr stark verwässerten" Text. Auch europäische Meeresschutzverbände wie Seas At Risk und Oceana warnten vor zu vielen Ausnahmen.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) erkannte dennoch ein "hoffnungsvolles Zeichen" in dem Gesetz zur Wiederherstellung der Natur. Die Vorgabe sei weltweit die "erste dieser Art", betonte die amtierende spanische Umweltministerin Teresa Ribera Rodríguez, die den Kompromiss mit ausgehandelt hatte. Wenn Moore und Flussauen wieder bewässert seien, würden die Dürrefolgen europaweit abgemildert. Bedrohte Arten - unter ihnen viele Insekten - würden stärker als bisher geschützt, da über 80 Prozent ihrer Habitate in schlechtem Zustand seien.

Die Europäische Volkspartei (EVP) um CDU und CSU wehrte sich gegen eine "Umweltpolitik mit der Brechstange" und hatte den Deutschen Bauernverband (DBV) auf ihrer Seite. Beide warnten vor gravierenden Risiken für die Ernährungssicherheit, wenn Landwirte künftig etwa auf Pestizide verzichten müssten. Der Bauernverband lehnte jegliche neue Auflagen für die Agrarwirtschaft - und daher auch das Gesetz - ab. Verbandspräsident Joachim Rukwied kritisierte das Gesetz als "Landwirtschafts-Verdrängungsgesetz. Die Einigung stelle einen "Rückschritt für die Kooperation zwischen Landwirtschaft und Naturschutz" dar.


Die Naturschutzpläne sind zentraler Teil des Klimaschutzpakets "Green Deal", mit dem die EU bis 2050 klimaneutral werden will. Näheres hier.

Samstag, 25. November 2023

Lichtverschmutzung wirkt schlimmer als befürchtet


Schon wenig künstliches Licht in der Nacht gefährdet laut einer Studie zahlreiche Ökosysteme. Wie die Autoren der Erhebung mitteilten, belegen ihre Forschungen, dass die Folgen der Lichtverschmutzung weitreichender sind als bisher befürchtet. Das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig (iDiv) und die Universität Jena erklärten gemeinsam, dass bereits geringe Mengen künstlichen Lichts die Stabilität von Artengemeinschaften und Ökosystemen stören.


Die Lichtverschmutzung, die in der Vergangenheit jedes Jahr um bis zu zehn Prozent angestiegen ist, unterbreche die natürlichen Lichtzyklen, die im Laufe der Erdgeschichte weitgehend konstant gewesen seien, erklärten die Experten. Diese Zyklen seien für Organismen, die auf Licht als Energie- und Informationsquelle angewiesen sind, lebenswichtig. Bislang hätten sich die meisten Studien zu künstlichem Licht in der Nacht weitgehend auf die menschliche Gesundheit und auf einzelne Arten konzentriert, erkannten die Wissenschaftler. Die Untersuchung ganzer Ökosysteme sei hingegen außen vor geblieben.


"Arten existieren nicht isoliert, sondern interagieren auf vielfältige Weise", erklärte Myriam Hirt von iDiv und der Universität Jena. "Unser Ziel war es, besser zu verstehen, wie sich die Aufhellung des Nachthimmels auf ganze Ökosysteme und die damit verbundenen Ökosystemleistungen auswirkt." Dazu wurden unterschiedliche Ökosysteme im Labor nachgebaut. In mehrere Studien wiesen die Biologen dabei nach, dass die Auswirkungen von künstlichem Licht auch unterirdische Bodengemeinschaften erreichen und die Bodenatmung sowie die Wirksamkeit der Kohlenstoffnutzung beeinflussen. Künstliches Licht beeinflusse auch die Aktivität von Insekten, was unter anderem zu mehr Jagdverhalten führe. Es verringere die pflanzliche Biomasse und deren Vielfalt und führe zur Veränderung von Pflanzenmerkmalen wie der Behaarung der Blätter. Durch künstliches Licht können sich nach Erkenntnissen der Forscher auch die Zeiträume verschieben, in denen Arten aktiv sind. Das könne den Fortbestand von Arten beeinflussen. "So verändert beispielsweise eine Verschiebung der Aktivität von tagaktiven und dämmerungsaktiven Arten in die Nacht die Aussterberisiken in der gesamten Artengemeinschaft", sagt Co-Autor Remo Ryser.


Weitere Studien weisen zudem nach, dass künstliches Licht Dominoeffekte haben kann, die sich auch auf den Menschen auswirken. So könne künstliches Licht bei Nacht zum Beispiel die Häufigkeit und das Verhalten von Stechmücken beeinflussen - etwa die Wirtssuche, die Paarung und die Flugaktivität. Dies könnte weitreichende Folgen für die Übertragung von Krankheiten wie Malaria haben.

Samstag, 4. November 2023

Klimakrise trifft Wälder mit voller Wucht

Der in Würzburg ansässige Verein Bergwaldprojekt hat seine Daten in einer Studie ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass nur jeder fünfte Baum in Deutschland noch gesund ist. Als Hauptursache benannte er den Klimawandel. Es bedürfe einer ganzen Palette von Maßnahmen, um die Wälder zu retten. Oberste Maxime aller Aktionen müsse die naturnahe Waldnutzung sein, betonte Hendrik von Riewel, Förster und Projektkoordinator des 30-jährigen Naturschutzvereins. Mit dazu gehöre auch der Wolf, der durch seine Jagd bei der Reduzierung des Wildbestands helfen könne.


"Wild findet in unserer Kulturlandschaft häufig optimale Lebensbedingungen vor. Es fehlt vielerorts eine an ökologischen Aspekten ausgerichtete Jagd. Zudem fehlen Fressfeinde", sagte Riewel in Würzburg. Deshalb vermehren sich Rehe, Wildschweine und Co fast unkontrolliert. Es würde dem Wald nutzen, wenn Wölfe in weniger dicht besiedelten Regionen wieder heimisch würden. Sie seien eine ökologisch wichtige und wertvolle Schlüsselart.

Laut dem Bundeslandwirtschaftsministerium gibt es in Deutschland 11,4 Millionen Hektar Wald. Das entspricht etwa 30 Prozent des Bundesgebiets. Die Hälfte des Walds ist in privater Hand, 30 Prozent gehören Städten, Ländern und Bund. In diesem Teil ist der Verein aktiv, pflegt Bäume, Moore und Biotope. Im vergangenen Jahr hatten etwa 4.000 Freiwillige bei seinen Aufforstungsprojekten mitgeholfen.

Bergwaldprojekt forstet Wälder ausschließlich mit Baumarten auf, die dort von Natur aus vorkämen, nicht mit Arten aus anderen Teilen der Welt, die vielleicht besser mit veränderten Umweltbedingungen zurecht kämen. "In dem Moment, wo wir Arten von irgendwo herholen, die aber gar nicht angepasst sind an hiesige Bodenverhältnisse, habe ich am Ende kein stabiles Waldökosystem mit all den Zusammenhängen, die ein Waldökosystem ausmachen", erklärte Riewel.


Zu wenig Regen, Überdüngung durch Stickstoff, keine Widerstandskraft gegen Schädlinge - vielen Bäumen geht es dadurch schlecht. Wie stark Insekten insbesondere Nadelbäumen zusetzen, zeigen Daten, die das Statistische Bundesamt jüngst herausgab: 2022 seien Insektenschäden in 60 Prozent der Fälle die Ursache für den durch Waldschäden bedingten Holzeinschlag gewesen. 2021 sei dies beim Rekordwert von 81 Prozent der Fall gewesen. Seit 2016 seien Schädlinge die Hauptursache für Schadholzeinschlag. Seit 2020 nahmen die Statistiker auch Trockenheit als Ursache auf, seither stieg dieser Anteil von 5,2 auf 8,1 Prozent.

"Alle Waldökosysteme stehen unter massivem Stress. Aus meiner Perspektive ist das beängstigend, weil wir ja gerade erst am Anfang der klimatische Entwicklung stehen", sagte Riewel weiter. Er forderte, die Wälder widerstandsfähiger zu gestalten. So plädierte er etwa für Anreize wie Subventionen, um Waldbesitzer für schonenden Umgang mit dem Ökosystem zu belohnen: "Wir müssen pfleglich nutzen. Das heißt, wir müssen den Boden schonen. Wir müssen das, was an Vegetation auf der Fläche schon steht, schonen."


Schwere Maschinen im Wald verdichteten den Boden und schwächten das Ökosystem. Kleinere Raupenfahrzeuge bis 1,5 Tonnen, Seilkransysteme, Forstschlepper mit Seilwinde oder Pferde könnten Bäume rausziehen, ohne dem Boden zu schaden, erklärte Riewel. Mit Hilfe von Gütesiegeln wie Naturland oder FSC könnten schließlich auch Verbraucher sehen, hinter welchen Produkten naturnahes Wirtschaften stehe.

Samstag, 7. Oktober 2023

Dokumentation "Smarte Insekten" auf 3sat

Der Fernsehsender 3sat zeigt am Donnerstag, 12. Oktober, um 20.15 Uhr den Dokumentarfilm "Smarte Insekten". Darin geht es um die Intelligenz der kleinen Tierchen.


Die wenigsten Menschen wissen, dass es allein in Deutschland 33.000 Insektenarten gibt. Kennen tun sie nur wenige, und über die allermeisten wissen die Menschen nicht viel. Dabei sind Wespen, Bienen, Hummeln und Ohrwürmer hochintelligent. Sie können Gesichter erkennen, perfekt navigieren und schwierige Denkaufgaben lösen...

Der renommierte Tierfilmer Berndt Welz widmet sich darin unter anderem der neurowissenschaftlichen Forschung, die Insektengehirne analysiert. Konkret blickt er auf die weit entwickelten Fähigkeiten von Wespen, Bienen, Hummeln, Ohrwürmern und Meerrettichblattkäfern - und die Tatsache, dass Insekten gewaltig unterschätzt werden. Der Journalist, Regisseur und Produzent vom Ammersee will nach eigenem Bekunden mit dem Film auf das massive Insektensterben hinweisen, um den Schutz für die Sechsbeiner nach dem Vorbild Großbritanniens zu fördern, das Insekten ins Tierschutzgesetz aufnehmen will. 

Dienstag, 11. Juli 2023

Schweizer Dokumentation: "Das Bienendilemma"


In der Schweiz ist das Lamentieren über das Bienensterben laut dem staatlichen Fernsehsender SRF vorüber und abgelöst worden von der Klage, dass die Bienendichte in Städten mittlerweile zu hoch ist. Die Dokumentation spürt deshalb der Entwicklung der Imkerei in der Schweiz "zwischen Profit und Artenschutz" nach.

Imker und Bienen kommen dabei nicht unbedingt gut weg, weil sie laut einer Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft seltenen Wildbienen und Schmetterlingen die Nahrung streitig machen. Naturschützer, die sich auf diese Daten stützen, forderten in der Schweiz deshalb bereits eine regulierte Imkerei. Sie kritisierten die Honigbiene als ein "auf Leistung gezüchtetes Nutztier, das - ähnlich wie die Kuh - in viel zu hohen Dichten gehalten wird".

Dienstag, 30. Mai 2023

Blüten für Bienen und Schmetterlinge

(c) Botanischer Garten/Max Winkler

Dr. Ursula Kaupert, Biologin und gern gesehene Referentin beim Imkerverein Gräfelfing und Umgebung, bietet am Sonntag, 25. Juni, im Botanischen Garten in München eine Führung zu insektenfreundlichen Pflanzen an. Die Teilnehmergebühr in Höhe von 3.- Euro wird direkt am Treffpunkt um 10.00 Uhr vor dem Gewächshauseingang kassiert. Eine Anmeldung zur Führung ist nicht nötig.

Samstag, 27. Mai 2023

NABU-App zur Insektenbestimmung

Der Naturschutzbund Deutschland/NABU hat im Rahmen seiner "Insektensommer"-Aktion eine App entwickelt, mit der Insekten bestimmt und die Art für eine Bestandsaufnahme an eine Datenbank geschickt werden kann. 


In der Anwendung ist sie für die Nutzerinnen und Nutzer vor allem zur Bestimmung unbekannter Arten in Sekundenschnelle von Interesse. Sie enthält 457 Porträts von sechsbeinigen Arten - immer mit Bildern und den wichtigsten Informationen, häufig mit weiteren faszinierenden Details. NutzerInnen nähern sich der gesuchten Spezies durch immer nähere Eingrenzung an - und erhalten dabei immer weiterführende Informationen. 


Der NABU profitiert von der Internetanwendung immer dann, wenn die NutzerInnen die gesichteten Insekten auch über die App melden. Deshalb ist ein Formular enthalten, das alle wichtigen Informationen abruft, vom Ort der Sichtung über das Entwicklungsstadium des Tiers bis zur Anzahl der beobachteten Insekten. Selbst für Arten, die der App unbekannt sind, ist das Formular ausgestattet.

Hier geht's direkt zum Link, um die App herunterzuladen. Und wie schreibt der NABU so nett?: Viel Spaß beim Eintauchen in die Vielfalt der kleinen Krabbler, Flieger und Hüpfer.

Samstag, 20. Mai 2023

Mehr Wertschätzung für Insekten gefordert

Zum Weltbienentag haben Fachleute zu mehr Wertschätzung für die Krabbeltierchen aufgerufen. "Mohn-Mauerbiene, Hosenbiene, Maskenbiene oder Wollbiene: Es gibt so viele verschiedene einzigartige Wildbienen", sagte die Insektenexpertin des Naturschutzbundes (NABU), Laura Breitkreuz. Auch andere Insekten wie Käfer, Wespen, Ameisen, Schmetterlinge oder Fliegen seien für das Ökosystem von hoher Bedeutung.

Die Insekten übernähmen nicht nur die Bestäubung von etwa 80 Prozent der Nutz- und Wildpflanzen, betonte Breitkreuz, sie hätten auch Schlüsselfunktionen bei den natürlichen Nährstoffkreisläufen und dienten anderen Tieren als Nahrungsquelle. "Sie haben unser aller Aufmerksamkeit daher mehr als verdient", führte die Expertin aus.

Die Insektenbestände gehen seit Jahrzehnten dramatisch zurück. In den deutschen Naturschutzgebieten ist die Biomasse fliegender Insekten laut NABU in den vergangenen 30 Jahren um etwa drei Viertel gesunken. Auch auf Wiesen, Weiden und im Wald seien in nur zehn Jahren etwa 35 Prozent weniger Insektenarten gemessen geworden.

Mit heimischen Wildblumen und Kräutern sowie dem Verzicht auf Pestizide könne jeder und jede im eigenen Garten oder auf dem Balkon etwas für Insekten tun, hieß es. Auch lädt der NABU demnächst zum "Insektensommer" ein: Vom 2. bis 11. Juni sowie vom 4. bis 13. August mögen Interessierte eine Stunde lang alle Sechsbeiner an einem schönen Platz im Garten, auf der Wiese oder am Wasser zählen und dokumentieren.

Samstag, 6. Mai 2023

Zehn Jahre EU-Debatte um Neonikotinoide

Zehn Jahre nach dem EU-weiten Teilverbot von drei bienenschädlichen Insektiziden haben Experten mehr Anstrengungen für eine umweltfreundlichere Landwirtschaft angemahnt. "Es gibt eine Liste von dringlichen Wünschen", sagte der Berliner Neurobiologe und Bienenforscher Randolf Menzel. Grundsätzlich sollte jedes Insektizid nur bei einem akuten Schädlingsbefall eingesetzt werden - und nicht vorbeugend etwa mit dem Beizen der Samen, forderte der emeritierte Professor der Freien Universität Berlin.


Viele synthetische Pestizide vernichten auf dem Acker nicht nur unerwünschte Insekten oder Krankheitserreger, sondern nützliche oder zumindest unschädliche Organismen gleich mit. Neonikotinoide sind synthetisch hergestellte Insektizide, die dem Umweltbundesamt (Uba) zufolge die Weiterleitung von Nervenreizen stören. Sie wurden demnach verbreitet unter anderem als Beizmittel für Saatgut eingesetzt, um dieses vor dem Befall mit Schadinsekten zu schützen, können aber auch als Granulat in Böden ausgestreut werden.


Die EU-Staaten hatten am 29. April 2013 den Weg frei gemacht für ein teilweises Verbot der Neonikotinoide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam. Die Auflagen wurden 2018 nochmals verschärft. Seitdem dürfen diese Insektizide - wenn überhaupt - nur in Gewächshäusern, aber nicht mehr auf Äckern angewendet werden. Studien zufolge schädigen diese Neonikotinoide Wild- und Honigbienen erheblich.

Wenn wirklich mal ein Schaden auftritt, dann dürfe der Einsatz solcher Mittel nur nach strenger Kontrolle erlaubt werden, forderte Menzel. Neonikotinoide können Analysen zufolge etwa die Lern- und Orientierungsfähigkeit der Bienen beeinträchtigen und die für die Bestäubung wichtigen Tiere sogar lähmen und töten. Die Moleküle werden auch von Blüten und Pollen aufgenommen und verbreiten sich so in der Umwelt.


Der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Bernhard Krüsken, erklärte, das Verbot der drei Wirkstoffe habe den Infektions- und Befallsdruck von Schadinsekten deutlich anwachsen lassen. Dies betreffe beispielsweise Zuckerrüben und Raps: "Hier kommt es zu erheblichen Ertragseinbußen auf den befallenen Feldern." Zu den einst damit bekämpfen Schädlingen gehören etwa Maiswurzelbohrer und Rapsglanzkäfer. Die immer milderen Winter verbesserten zusätzlich die Bedingungen für Insekten, die ein schädliches Virus übertrügen, erläuterte Krüsken. "Jeder Wirkstoff, der nicht mehr zur Verfügung steht, hinterlässt eine Lücke und muss ersetzt werden. Durch die immer umfangreicheren Zulassungsverfahren werden die Lücken größer", fasste er die sich tendenziell verschärfende Problematik zusammen.


Wie der Neurobiologe Menzel erläuterte, werden in Deutschland nach wie vor neue Neonikotinoide entwickelt oder sind bereits auf den Markt gebracht. Diese wirkten zwar erst in höheren Dosen als ihre Vorgänger tödlich. Allerdings könnten sie auch bei niedrigeren Dosen sehr schädigend wirken - etwa auf die Brutentwicklung, die Navigation oder das Lernvermögen - also "die wichtigsten Eigenschaften für bestäubende Insekten". Nach Menzels Einschätzung zählen aktuell etwa die Hälfte der eingesetzten Insektizide zu den Neonikotinoiden. Diese Mittel sollten wegen ihrer Eigenschaft, sich in der Umwelt auszubreiten und sie extrem zu schädigen, möglichst komplett verboten werden, forderte der Neurobiologe.

Grundsätzlich seien viele Chemikalien für den Pflanzenschutz in der Landwirtschaft wie Insektizide oder Unkrautbekämpfungsmittel zu günstig, mahnte der Experte. Bei Monokulturen sei es für die Höfe oft wirtschaftlicher, mit der Spritzkanone über das Feld zu fahren - statt traditionell den Acker zum Schutz vor Schädlingsbefall umzugraben oder einen Fruchtwechsel einzuhalten. Im Kampf gegen den Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft sieht Menzel die größte Entscheidungsgewalt bei den Verbrauchern: "Wir müssen in einem größeren Ausmaß bereit sein, für Lebensmittel mehr Geld einzusetzen." Auf Landwirten rumzuhacken löse nicht das Problem: "Die Verbraucher müssen den Bauern das teurere Bio-Produkt auch abnehmen."

Samstag, 29. April 2023

Bürger machen EU-weit Druck bei Insektenschutz


Auf Drängen von Bürgerinnen und Bürgern macht die EU-Kommission Druck für mehr Tempo beim Schutz von Bienen. Vor dem Hintergrund einer EU-weiten Bürgerinitiative forderte die EU-Behörde das Europäische Parlament und die EU-Länder auf, schon vorliegende Gesetzesvorschläge, "die zum Schutz und zur Erholung der Bestäuberpopulationen in Europa beitragen (...) rasch und ohne Abstriche anzunehmen", teilte die Kommission in Brüssel mit.


Die Organisatoren der Bürgerinitiative hatten über eine Million Unterschriften gesammelt. Das ist die Schwelle, die erreicht werden muss, damit sich die EU-Kommission mit einer solchen Initiative beschäftigen muss. Die Kommission erkenne die Bedeutung der Initiative an, hieß es in der Mitteilung: "Insbesondere da die ineinandergreifenden Krisen Klimawandel, Umweltverschmutzung und Verlust an biologischer Vielfalt wachsende Herausforderungen für die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit in Europa darstellen." In der EU gehe der Bestand jeder dritten Bienen-, Schmetterlings- und Schwebfliegenart zurück. Gleichzeitig seien 80 Prozent der Nutz- und Wildpflanzenarten auf Bestäuber angewiesen. 

"Der Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen in der EU droht bereits ein Bestäubungsdefizit."                                                  Zitat EU-Kommission


Das Anliegen der Initiative ist es, den Einsatz von synthetischen Pestiziden schrittweise zu beenden, Produktionsmethoden in der Landwirtschaft umweltfreundlicher zu gestalten und die EU-Agrarpolitik weniger auf industrielle und konventionelle Landwirtschaft auszurichten. Die EU-Kommission verwies auf vorliegende Gesetzesvorschläge etwa zur nachhaltigen Verwendung von Pestiziden und zur Wiederherstellung der Natur. EU-Länder und das Parlament müssen die Vorschläge noch verhandeln, bevor sie in Kraft treten können. Neue Vorschläge kündigte die Kommission nicht an.


Neben der Mindestanzahl von Unterschriften in einem bestimmten Zeitraum ist für eine erfolgreiche Europäische Bürgerinitiative eine bestimmte Anzahl in mindestens sieben EU-Ländern notwendig. Rund die Hälfte der Unterschriften wurden den Angaben nach in Deutschland gesammelt.

Dienstag, 21. März 2023

Tag der Insekten am 30. März


Die von der Firma Reckhaus getragene Initiative Insect-Respect hat für den Internationalen Tag der Insekten am 30. März ein Symposium in Berlin organisiert, bei dem nicht nur verschiedene Blickwinkel auf den Wert der Sechsbeiner gerichtet werden, sondern auch Ideen zur Förderung von Insekten gesammelt und prämiert werden. Im "Summit of Radical Ideas" werden Projekte vorgestellt, sollen dabei unter anderem Finanzierungen für Vorhaben auf die Beine gestellt werden, denen es "nur" noch an Geld fehlt, Ansätze mit Fachleuten weiterentwickelt und zugleich Zweifler von der Sinnhaftigkeit vieler Maßnahmen überzeugt werden. Sämtliche Projekte, die im Umweltforum Berlin diskutiert werden, sind zur Nachahmung empfohlen. - Wir dürfen gespannt sein, was die Vertreter von "Kultur, Philosophie, Wirtschaft und Wissenschaft" auf der Pfanne haben!