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Samstag, 4. Mai 2024

Giftcocktail lässt Hummeln kalt

Wildbienen sind in der Natur verschiedenen Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt, die eine potenziell giftige Wirkung haben können. Eine Studie der Uni Würzburg zeigt jetzt, dass Hummeln relativ robust gegenüber diesen Mitteln sind.


Das Team vom Biozentrum der Uni Würzburg hatte dafür in Kooperation mit der Uni Bayreuth eine Hummelkolonie geteilt und die Tiere sowohl einzelnen Insektiziden und Fungiziden als auch Kombinationen dieser Pflanzenschutzmittel ausgesetzt. Im Anschluss untersuchten die Wissenschaftler Lernfähigkeit und Flugaktivität der so behandelten Hummeln. Dabei zeigten sich keine negativen Auswirkungen.
 
"In der Natur sind Bienen nicht nur einzelnen Stressoren ausgesetzt, sondern treffen in der Regel auf eine Vielzahl von Faktoren, die negative Effekte auf die Bestäuber haben können. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zählt dabei zu den Hauptursachen des Insektenrückgangs", erklärte die Hauptautorin der Studie, die Zoologin Ricarda Scheiner. Wildbienen nehmen auf ihren Sammelflügen viele verschiedene Pflanzenschutzmittel auf und tragen diese über die Nahrung in die Kolonie ein. 

Da zugleich bekannt ist, dass Pestizidgemische nicht direkt zum Tod führen müssen, sondern auch eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit nach sich ziehen können, sollten die Effekte der Mischungen auf das Verhalten der Hummeln untersucht werden. Konkret testeten die Forscher das Lernverhalten und die Flugaktivität nach einer Behandlung mit einem Insektizid, einem Fungizid und deren Mischung und verglichen die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe. 

Dafür wurden die Hummeln in einer Flugarena auf farbige Blütenattrappen konditioniert. Sie sollten lernen, eine bestimmte Blütenfarbe mit einer Zuckerwasser-Belohnung zu verknüpfen und diese dann gezielt anzufliegen. Das Ergebnis: Die verschiedenen Pflanzenschutzmittel-Behandlungen zeigten keinen Effekt auf die Lernfähigkeit der Hummeln. "Die Versuche zeigen, dass die Hummel gegenüber Stressoren wie Pflanzenschutzmitteln recht robust zu sein scheint", fasste Doktorandin Antonia Schuhmann das zentrale Ergebnis der Studie zusammen. 


Wie andere Wildbienen in den Versuchen abschneiden würden, bleibe jedoch unklar. "Die Hummel profitiert durch ihre soziale Lebensweise in der Kolonie, die toxische Effekte abpuffern und schwachen Bienen das Überleben sichern kann", sagt Ricarda Scheiner. Zudem unterschieden sich Hummeln in ihrer Körpergröße von vielen solitär lebenden Wildbienen, die deutlich kleiner sind. Nach Ansicht der Wissenschaftlerinnen benötigt es deshalb dringend weitere Versuche, um die Wirkung von Pflanzenschutzmittel-Mischungen auf verschiedene Wildbienenarten zu verstehen.

Dienstag, 30. April 2024

Bayer plant mit Bioinsektizid für Raps

Der Chemiekonzern Bayer will erstmals ein Bio-Insektenvernichtungsmittel für Ackerkulturen auf den Markt bringen. Vom britischen Pflanzenschutzmittelhersteller AlphaBio Control übernehme man exklusive Vermarktungsrechte an einem Bioinsektizid, das beim Raps- und Getreideanbau verwendet werden könne und das erste seiner Art sei, teilte Bayer in Leverkusen mit. Die Markteinführung sei für 2028 geplant.


Finanzielle Angaben machte Bayer nicht. Der Konzern arbeitet bereits seit einigen Jahren mit AlphaBio Control zusammen und vertreibt schon das Bioinsektizid Flipper der Briten, das im Obst- und Gemüsebau eingesetzt werden kann. Grundsätzlich gebe es am Markt mit biologischen Pflanzenschutzmitteln ein hohes Wachstumspotenzial, sagte Crop-Science-Manager Glaubitz. Bayer strebe bis 2035 einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro mit sogenannten Biologika an.

Samstag, 30. März 2024

Protest gegen geplante Glyphosat-Freigabe


Laut eines Referentenentwurfs plant das Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), das Anwendungsverbot für das Herbizid Glyphosat aus der Pflanzenschutzanwendungsverordnung (PflSchAnwV) zu streichen.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und die Aurelia Stiftung kritisierten die Ankündigung scharf und werfen Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) vor, ohne Not das aktuell bestehende Anwendungsverbot streichen zu wollen. In einer fachlich-juristischen Stellungnahme zeigten DUH und die Aurelia Stiftung drei rechtliche Umsetzungsmöglichkeiten auf, wie ein nationales Glyphosatverbot auch nach der Entscheidung der EU-Kommission aufrechterhalten werden kann. Das Breitbandherbizid Glyphosat hat drastische Auswirkungen auf die Biodiversität und gefährdet Wild- und Honigbienen. Auch schwerwiegende gesundheitliche Risiken für Menschen können nicht ausgeschlossen werden.

Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH: "Die Aufhebung des lange angekündigten und längst überfälligen Glyphosatverbots nehmen wir nicht hin. Immer wieder behaupten das Landwirtschaftsministerium und das zuständige Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, sie müssten die Zulassung für hochgiftige Pestizide verlängern, weil die EU die Genehmigung verlängert hätte. Das ist falsch. Deutschland kann das Ackergift Glyphosat rechtmäßig national per Verordnung verbieten. Die geplante Freigabe von Glyphosat ist hingegen ein erneuter Bruch mit dem Koalitionsvertrag. Landwirtschaftsminister Özdemir darf sich nicht länger wegducken, sondern muss sich endlich gegen die Agrochemie-Lobby durchsetzen, um Umwelt und Gesundheit zu schützen. Spätestens unsere Klagen werden das hochgiftige Glyphosat endgültig von unseren Äckern verbannen."


Erstens kann gemäß des Vertrags über die Arbeitsweise der EU an einer nationalen Verordnung festgehalten werden, wenn sie dem Umweltschutz dient. Zweitens kann das Landwirtschaftsministerium das Verbot damit begründen, dass es sich um eine Notfallmaßnahme handelt (Grundlage: Art. 71 VO (EG) 1107/2009). Drittens muss das zuständige Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit diesen November ohnehin die neuerliche Überprüfung der Zulassungen von Glyphosat-Produkten abgeschlossen haben. Es ist bereits jetzt ersichtlich, dass die Mittel unter anderem aufgrund der Auswirkungen auf die Umwelt die Zulassungsvoraussetzungen nicht erfüllen und ihre Zulassungen damit aufgehoben werden müssen. Die Erkenntnisse aus dem laufenden Verfahren zur DUH-Klage gegen das glyphosathaltige Produkt Roundup Powerflex bestätigen diese Einschätzung.

Matthias Wolfschmidt, Vorsitzender der Aurelia Stiftung: "Anders als es das Bundeslandwirtschaftsministerium in seinem Entwurf behauptet, kann Deutschland ein vollständiges nationales Anwendungsverbot von Glyphosat erlassen - zum Beispiel als Notfallmaßnahme zum Schutz der Gesundheit von Menschen, Tieren oder Umwelt. Denn die Anwendung des Totalherbizids Glyphosat ist erwiesenermaßen mit drastischen Auswirkungen auf die Biodiversität und insbesondere auch Wild- und Honigbienen verbunden. Zudem konnten gesundheitliche Risiken bislang nicht ausgeschlossen werden."

Die Aurelia Stiftung hatte im Januar schon ein juristisches Verfahren gegen die EU-Kommission eingeleitet, dem sich die DUH anschloss, da die Erneuerungsentscheidung für Glyphosat ihrer Ansicht nach auf unzulässigen Daten- und Bewertungslücken sowie fehlerhaften Bewertungen beruht.

Bilder: Bayer AG

Samstag, 24. Juni 2023

BUND: "Bienenfreundliche" Pflanzen oft hoch gefährlich

Bei den angeblich bienenfreundlichen Zierpflanzen herrscht weiter Giftalarm. Ein neuer Test durch den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat die Ergebnisse der vergangenen drei Jahre bestätigt: Es bleibt bei einer viel zu hohen Pestizidbelastung. Bis auf eine Ausnahme enthielten alle Proben der beliebten Sommerblüher giftige Rückstände.


Für die neue Studie hatte der BUND vor Beginn der Sommergartensaison 22 Stauden mit dem Etikett "bienenfreundlich" aus Gartencentern und Baumärkten testen lassen, darunter Lavendel, Goldmarie, Blaukissen, Akelei und Phlox. Das Ergebnis war - wie in den Vorjahren - niederschmetternd: 64 Prozent der Pflanzen enthielten für Bienen hochgefährliche Pestizide. Auf 16 Prozent - oder 73 Prozent - wurden auch für Menschen besonders gefährliche Pestizide entdeckt.


Die Pestizidexpertin der Organisation, Corinna Hölzel, beklagte, dass der Zierpflanzenbau katastrophale Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesundheit von Mensch und Tier hat: "Ein Lavendel war mit 22 verschiedenen Pestiziden belastet, von denen acht der menschlichen Gesundheit schaden, zwei bienengiftig sind und zwei nicht einmal zugelassen waren." Ihrer Ansicht nach kann ein solches Produkt nur als "illegaler Sondermüll" bezeichnet werden. 

Seit drei Jahren testet der BUND sogenannte bienenfreundliche Pflanzen und führt Gespräche mit der Branche. Die Situation hat sich bislang nicht verbessert. Da Appelle und freiwillige Vereinbarungen allein ganz offensichtlich nicht greifen, fordert der Verband eine rechtlich verbindliche Pestizidreduktion auf nationaler und EU-Ebene. Ein Verbot von Pestiziden, die besonders gefährlich für Mensch und Umwelt sind, sei längst überfällig.


Insgesamt waren in den getesteten Pflanzen 38 Pestizide gefunden worden. Fünf von ihnen waren hoch bienengefährlich und 20 hoch gefährlich für die menschliche Gesundheit. Sieben Wirkstoffe hatten noch nicht einmal eine Zulassung für Zierpflanzen in Deutschland. Fünf der 22 Pflanzen hätten gar nicht verkauft werden dürfen.

Hölzel beklagte deshalb vor allem die Lage in den Herkunftsländern der Züchtungen: "Der Großteil der Jungpflanzen stammt aus dem globalen Süden, zum Beispiel aus Ländern Afrikas und Lateinamerikas. Dort sind Arbeitskräfte billig, die Gesetzgebung ist oft schwach, und hoch gefährliche Pestizide sind im Dauereinsatz. Besonders die ArbeiterInnen auf den Plantagen sind dieser Gefahr ausgesetzt. Leider haben Käuferinnen und Käufer von Zierpflanzen in Deutschland keine Chance, diese skandalösen Produktionsbedingungen zu erkennen. Denn es gibt weder Kennzeichnungspflichten noch Grenzwerte." Man könne Zierpflanzen nur im guten Glauben kaufen. Wenn diese jedoch Rückstände bienengefährlicher Pestizide enthielten, werde die gewünschte Bienenrettung zur Giftfalle. 


An die Bundesregierung gerichtet stellte der BUND aktuell die Forderung, den Pestizideinsatz auch in Deutschland mindestens bis 2030 zu halbieren. Zudem dürften besonders gefährliche Pestizide nicht länger hergestellt und ins Ausland exportiert werden. Hersteller und Händler von Zierpflanzen müssten verpflichtet werden, gefährliche Wirkstoffe in der Produktionskette ausschließen. VerbraucherInnen riet der BUND, Bio-Pflanzen zu kaufen oder Zierpflanzen aus regionalen Gärtnereien, die vollständig dort gezogen werden.

Samstag, 6. Mai 2023

Zehn Jahre EU-Debatte um Neonikotinoide

Zehn Jahre nach dem EU-weiten Teilverbot von drei bienenschädlichen Insektiziden haben Experten mehr Anstrengungen für eine umweltfreundlichere Landwirtschaft angemahnt. "Es gibt eine Liste von dringlichen Wünschen", sagte der Berliner Neurobiologe und Bienenforscher Randolf Menzel. Grundsätzlich sollte jedes Insektizid nur bei einem akuten Schädlingsbefall eingesetzt werden - und nicht vorbeugend etwa mit dem Beizen der Samen, forderte der emeritierte Professor der Freien Universität Berlin.


Viele synthetische Pestizide vernichten auf dem Acker nicht nur unerwünschte Insekten oder Krankheitserreger, sondern nützliche oder zumindest unschädliche Organismen gleich mit. Neonikotinoide sind synthetisch hergestellte Insektizide, die dem Umweltbundesamt (Uba) zufolge die Weiterleitung von Nervenreizen stören. Sie wurden demnach verbreitet unter anderem als Beizmittel für Saatgut eingesetzt, um dieses vor dem Befall mit Schadinsekten zu schützen, können aber auch als Granulat in Böden ausgestreut werden.


Die EU-Staaten hatten am 29. April 2013 den Weg frei gemacht für ein teilweises Verbot der Neonikotinoide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam. Die Auflagen wurden 2018 nochmals verschärft. Seitdem dürfen diese Insektizide - wenn überhaupt - nur in Gewächshäusern, aber nicht mehr auf Äckern angewendet werden. Studien zufolge schädigen diese Neonikotinoide Wild- und Honigbienen erheblich.

Wenn wirklich mal ein Schaden auftritt, dann dürfe der Einsatz solcher Mittel nur nach strenger Kontrolle erlaubt werden, forderte Menzel. Neonikotinoide können Analysen zufolge etwa die Lern- und Orientierungsfähigkeit der Bienen beeinträchtigen und die für die Bestäubung wichtigen Tiere sogar lähmen und töten. Die Moleküle werden auch von Blüten und Pollen aufgenommen und verbreiten sich so in der Umwelt.


Der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Bernhard Krüsken, erklärte, das Verbot der drei Wirkstoffe habe den Infektions- und Befallsdruck von Schadinsekten deutlich anwachsen lassen. Dies betreffe beispielsweise Zuckerrüben und Raps: "Hier kommt es zu erheblichen Ertragseinbußen auf den befallenen Feldern." Zu den einst damit bekämpfen Schädlingen gehören etwa Maiswurzelbohrer und Rapsglanzkäfer. Die immer milderen Winter verbesserten zusätzlich die Bedingungen für Insekten, die ein schädliches Virus übertrügen, erläuterte Krüsken. "Jeder Wirkstoff, der nicht mehr zur Verfügung steht, hinterlässt eine Lücke und muss ersetzt werden. Durch die immer umfangreicheren Zulassungsverfahren werden die Lücken größer", fasste er die sich tendenziell verschärfende Problematik zusammen.


Wie der Neurobiologe Menzel erläuterte, werden in Deutschland nach wie vor neue Neonikotinoide entwickelt oder sind bereits auf den Markt gebracht. Diese wirkten zwar erst in höheren Dosen als ihre Vorgänger tödlich. Allerdings könnten sie auch bei niedrigeren Dosen sehr schädigend wirken - etwa auf die Brutentwicklung, die Navigation oder das Lernvermögen - also "die wichtigsten Eigenschaften für bestäubende Insekten". Nach Menzels Einschätzung zählen aktuell etwa die Hälfte der eingesetzten Insektizide zu den Neonikotinoiden. Diese Mittel sollten wegen ihrer Eigenschaft, sich in der Umwelt auszubreiten und sie extrem zu schädigen, möglichst komplett verboten werden, forderte der Neurobiologe.

Grundsätzlich seien viele Chemikalien für den Pflanzenschutz in der Landwirtschaft wie Insektizide oder Unkrautbekämpfungsmittel zu günstig, mahnte der Experte. Bei Monokulturen sei es für die Höfe oft wirtschaftlicher, mit der Spritzkanone über das Feld zu fahren - statt traditionell den Acker zum Schutz vor Schädlingsbefall umzugraben oder einen Fruchtwechsel einzuhalten. Im Kampf gegen den Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft sieht Menzel die größte Entscheidungsgewalt bei den Verbrauchern: "Wir müssen in einem größeren Ausmaß bereit sein, für Lebensmittel mehr Geld einzusetzen." Auf Landwirten rumzuhacken löse nicht das Problem: "Die Verbraucher müssen den Bauern das teurere Bio-Produkt auch abnehmen."

Dienstag, 2. Mai 2023

Aktion zu Offenlegung von Spritzdaten


Das Umweltinstitut München hat eine Briefkampagne an die Bundesregierung gestartet, um die Offenlegung von Spritzdaten zu erreichen. Es bemängelt, dass Bauern seit langem Buch über ihre Pestizideinsätze führen müssen, die Daten aber nur stichprobenartig von den Behörden überprüft und schon gar nicht erfasst, zusammengeführt und ausgewertet werden.

Im Sinne der Transparenz sollten Bürgerinnen und Bürger aber mit wenigen Klicks im Internet auf die Lage auf den Wiesen und Äckern in ihrer Nachbarschaft zugreifen können, fordern die Umweltschützer. Mehr Informationen und der Link zum Mitunterzeichnen sind hier zu finden.

Samstag, 16. Juli 2022

Winterbienen weniger anfällig für Neonicotinoide?

Winterbienen sind laut einer neuen Studie des US-Landwirtschaftsministeriums besser als Sommerbienen darauf eingestellt, den schädlichen Auswirkungen eines weit verbreiteten Insektizids in der Schädlingsbekämpfung zu widerstehen. Die Forscher des Laborzweigs der US-Behörde/ARS fanden im Bienenforschungszentrum in Beltsville (US-Bundesstaat Maryland) heraus, dass der Verzehr eines fast tödlichen, mit Imidacloprid versetzten Sirups das Überleben der Winterbienen während der Studie nicht beeinträchtigte.


Imidacloprid zählt zu den Neonicotinoiden, die Nikotin imitieren und für Insekten giftig sind. Dieses starke Insektizid wird in der Landwirtschaft häufig zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Es ist wahrscheinlich, dass Honigbienen bei der Nahrungssuche auf dem Feld oder durch kontaminierte Bienenstockprodukte auf Imidacloprid stoßen.

"Obwohl Imker die Toxizität von Imidacloprid für Honigbienen als Problem betrachten, ist das Studienergebnis eine gute Nachricht für Imker", betonten Miguel Corona und Mohamed Alburaki, Forscher am ARS. "Unsere Arbeit zeigt, dass Winterhonigbienen unerkannte physiologische Mechanismen haben, um den Auswirkungen von Insektiziden entgegenzuwirken."

Die Studie bewertete Unterschiede im Ernährungsverhalten von Sommer- und Winterhonigbienen in einer kontrollierten Laborumgebung. Die Forscher verabreichten den Bienen nach Bedarf subletale Dosen des mit Imidacloprid versetzten Sirups. Winterbienen konsumierten bevorzugt mit Imidacloprid versetzten Sirup gegenüber unbehandeltem Zuckersirup, während Sommerhonigbienen die sichere Wahl trafen und es vermieden, jedes Mal den mit Sirup versetzten Sirup zu konsumieren.

Laut Corona ist es wichtig, die Unterschiede in der Ernährung von Sommer- und Winterhonigbienen zu untersuchen. Honigbienenvölker überlebten extreme saisonale Unterschiede in Temperatur und Futter, indem sie zwei saisonale Arbeiterphänotypen produzieren: Sommer- und Winterbienen. Diese saisonalen Phänotypen unterschieden sich erheblich in ihren psychologischen Eigenschaften sowie ihrer Krankheitsanfälligkeit und Fähigkeit, mit giftigen Substanzen umzugehen.

"Winterbienen und Sommerbienen unterliegen physiologischen Veränderungen, um mit drastischen saisonalen Temperaturschwankungen und der Verfügbarkeit von Nahrungsressourcen fertig zu werden", sagten Corona und Alburaki. "Unsere Ergebnisse legen nahe, dass langlebige Winterbienen besonders gut angepasst sind, um ein höheres Maß an chemischen Stressoren zu tolerieren." So könnten Winterbienen eine viel stärkere Vergiftung durch Imidacloprid vertragen, während sie in normalen Feldstudien noch immer anfällig für höhere Konzentrationen desselben Insektizids seien.

Montag, 4. Juli 2022

Themenabend Pestizide bei arte


Der deutsch-französische Kultursender arte strahlt morgen Abend, 5. Juli, ab 20.15 Uhr einen Dokumentarfilm-Themenabend zu Pestiziden und ihren Folgen aus. Er ist Teil des besonderen Jubiläumsprogramms zum 30-jährigen Bestehen des bilateralen Senders.

Der Auftaktfilm, "Insektenkiller - Wie Chemieriesen unser Ökosystem zerstören", von den Regisseuren Sylvain Lepetit, Miyuki Droz Aramaki und Sébastien Séga stellt die Welt der Insekten zunächst sehr heil dar. Doch ebenso schnell, wie Neonikotinoide die Sechsbeiner killen, widmet sich das Werk dem massiven Rückgang der Gesamtbiomasse - und der Systematik, wie Unternehmen mit gefälschten Studien alternative Fakten schaffen, um von ihrer Verantwortung abzulenken.

Eindeutig sehenswert, nehmt Euch für morgen Abend nichts vor - oder reserviert Euch ein paar Stunden für die arte-Mediathek, wo die Filme des Themenabends bis 3. August online verfügbar sind!!!

Samstag, 15. Januar 2022

Pestizidatlas - 19 Kapitel reiner Horror

In Berlin haben mehrere Umweltorganisationen den diesjährigen Pestizidatlas vorgelegt. In 19 Kapiteln werden darin die Fakten rund um die ausgebrachte Chemie und ihre Folgen beschrieben.


Schon im Vorwort wird einem dabei ganz zweierlei, denn es wird festgehalten, dass der Einsatz von Pestiziden weltweit weiter stetig nach oben geht, obwohl die gesundheitlichen und ökologischen Folgen lange bekannt sind. Pro Jahr sind weltweit 385 Millionen Fälle von Pestizidvergiftungen dokumentiert. - Was uns Europäern nicht auffällt, weil vor allem Menschen in Entwicklungsländern davon betroffen sind. 
Darüber hinaus verschließen wir die Augen davor, dass unsere Unternehmen Spritzmittel herstellen und exportieren, die auf unserem Kontinent aus ökologischen oder gesundheitlichen Gründen nicht zugelassen sind.

Auf Platz eins der ausgebrachten Chemikalien stehen Unkrautvernichtungsmittel. Während Herbizide, die gegen ungewollte Pflanzen eingesetzt werden, die meistgenutzte Wirkstoffgruppe sind, haben Insektizide gegen Schädlinge zumeist noch schlimmere "Nebenwirkungen" - sie töten schon in kleinsten Mengen und meist auch Insekten, die gar nicht gemeint sind. Co-Autor Dave Goulson spricht im Pestizidatlas von einem "ökologischen Armageddon". 


Der komplette Pestizidatlas ist hier herunterzuladen.

Mittwoch, 6. Oktober 2021

Ausbreitung des Pestizids Thiamethoxam

Trotz EU-weiten Verbots ist das für Bienen und andere Insekten hoch gefährliche Pestizid Thiamethoxam aus der Gruppe der Neonicotinoide dieses Jahr in Deutschland großflächig eingesetzt worden. Jetzt breitet sich das Insektengift unkontrolliert aus.

In Wasserproben aus Bayern wurde die Chemikalie in einer Konzentration festgestellt, die 50-mal höher ist als das, was noch als akzeptabel gilt.

In einem sehr empfehlenswerten "Spiegel"-Interview (hier der Link) warnt Matthias Liess vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung nun vor Gefahren für das Ökosystem.

Samstag, 7. August 2021

Bienen stellen ihre Ernährung nach Kontakt mit Pestiziden um

Honigbienen bevorzugen nährstoffreichere und abwechslungsreichere Nahrung, wenn sie zuvor einem Neonicotinoid ausgesetzt waren, das fanden Biologen der Universität Graz heraus, als sie die Wirkung von Schädlingsbekämpfungsmitteln auf die Mobilität und die Nahrungsauswahl der Insekten untersuchten. Ganz eindeutig beeinflusst das Neonicotinoid Thiacloprid demnach die Futterauswahl der Insekten.


In den vergangenen Jahren wurden weltweit Bienenverluste verzeichnet: Die Zunahme von Monokulturen und damit die geringere Verfügbarkeit einer ausgewogenen Ernährung zählen mit zu den zentralen Ursachen. Eine mangelhafte Ernährung kann sich sowohl auf die Lebensdauer der einzelnen Bienen als auch auf die Widerstandsfähigkeit gegen potenzielle Krankheitserreger und Stressfaktoren auswirken. Die weltweit am häufigsten verwendeten Insektizide sind Neonicotinoide, die in allen Teilen der Pflanzen landen – einschließlich Pollen und Nektar. Das bedeutet aber auch, dass Bienen den neurotoxischen Verbindungen ausgesetzt sind, erklärten die österreichischen und finnischen Autoren der Studie. Die Wissenschaftler in Graz und den finnischen Städten Oulu und Helsinki hatten untersucht, wie die Exposition mit dem Neonicotinoid Thiacloprid und Ernährung zusammenspielen.

Thiacloprid ist zwar seit 2020 in der EU nicht mehr zugelassen. "Es ist aber nur ein Gift aus der großen Klasse der Neonicotinoide und wird nach wie vor weltweit eingesetzt", sagte Dalial Freitak vom Institut für Biologie der Universität Graz. Ihr Team hatte mehrere Bienenstöcke mit verschiedenen Nahrungsquellen gefüttert und setzte die Bienen anschließend nicht-tödlichen Dosen von Thiacloprid aus. Danach wurden drei verschiedene Arten von Honig und Pollen in getrennten Auswahltests angeboten und das Verhalten der Bienen aufgezeichnet. Es zeigte sich, dass die Pestizidbehandlung einen deutlichen Einfluss auf die Nahrungswahl hatte. Zur Auswahl standen eine 70-prozentige Zuckerlösung, sortenreiner Honig (monofloral) und Mischhonig (polyfloral) sowie in einem weiteren Durchgang unterschiedliche Pollen.

Jene Honigbienen, die nicht mit dem Pestizid in Kontakt gekommen waren, wählten stärker sortenreinen Honig. Bienen, die mit dem Pestizid behandelt wurden, bevorzugten jedoch eindeutig den polyfloralen Honig – und somit eine ausgewogenere und abwechslungsreichere Ernährung. "Vermutlich, weil er nährstoffreicher ist und eine stärkere Immunkompetenz und allgemeine Fitness ermöglicht", vermuteten die Wissenschaftler. Rasant zunehmende Monokulturen dürften es den Bienen also nicht leichter machen, die eigenen Abwehrkräfte zu stärken.


Auch als die Bienen zwischen polyfloralen, monofloralen Pollen oder einer Zuckerlösung wählen konnten, entschieden sich sowohl die behandelten als auch die unbehandelten Bienen für den polyfloralen Pollen. "Sie scheinen komplexere Lebensmittel zu bevorzugen, unabhängig davon, was sie zuvor hatten, wahrscheinlich aufgrund evolutionärer Anpassungen", vermuteten die Autoren. Frühere Studien hätten auch schon gezeigt, dass der Verzehr von Pollen mit hoher Diversität die Toleranz gegenüber Pestiziden verstärke, unzureichende Versorgung aber die Stressresistenz verringere.

In Bezug auf die Mobilität hing die Wirkung von Pestiziden von der vorherigen Nahrungsquelle ab: Es zeigte sich, dass die Pestizidbehandlung zu einer geringeren Mobilität der Bienen führte, die zuvor mit monofloralem Honig gefüttert wurden. Bienen, die eine Zuckerlösung bekamen, waren mobiler.

Samstag, 5. Juni 2021

EU hinkt eigenen Zielen hinterher

Beim Schutz von Bienen, Schmetterlingen und Co vor giftigen Pflanzenschutzmitteln und anderen Umweltgefahren kommt die Europäische Union nur langsam voran. Drei Jahre nach der Ankündigung gezielter Maßnahmen verzeichnete die EU-Kommission vergangene Woche zwar Fortschritte. Der Kampf gegen die Ursachen gestalte sich aber nach wie vor schwierig, hieß es in Brüssel. Die Zahlen sind dieselben wie 2018: Jede zehnte Bienen- und Schmetterlingsart in Europa sei vom Aussterben bedroht, bei einem Drittel schrumpfe der Bestand.



Die Bestäuber sind für die Produktion von Lebensmitteln unverzichtbar. Vier von fünf Kulturpflanzen und wilden Blütenpflanzen seien zumindest teilweise von der Bestäubung durch Tiere abhängig, erläuterte die Kommission. Unter anderem Pestizide setzen Bienen und anderen Bestäubern aber schwer zu. Die Behörde hatte deshalb im Juni 2018 ein Maßnahmenbündel aufgelegt.

Als Erfolg wertete die Kommission unter anderem den Aufbau eines EU-weiten Systems zur Überwachung der Arten und ihres Rückgangs. Auch die Information der Öffentlichkeit sei vorangekommen. Gegen Verlust von Lebensräumen und Auswirkungen von Pestiziden müsse jedoch mehr getan werden, befand die Behörde. Sie verwies darauf, dass in ihren Strategien zur gesunden Agrarproduktion und zum Schutz der Biodiversität spezifische Ziele bis 2030 festgelegt seien. Unter anderem soll der Einsatz von chemischen Pestiziden um 50 Prozent verringert werden.


Insekten spielen in den heimischen Ökosystemen eine zentrale Rolle. Von den knapp 50.000 hierzulande vorkommenden Tierarten sind mehr als 33.000, also fast 70 Prozent, Insekten.

Samstag, 10. April 2021

Dokumentation zu pestizidfreier Landwirtschaft


Der deutsch-französische Sender arte hat noch bis 6. Juli die Dokumentation "Insekten - Die besseren Schädlingsbekämpfer?" von Regisseur Claude-Julie Parisot von 2016 auf seinem Youtube-Kanal im Internet. Das 53-Minuten-Werk ist zwar nicht ganz neu, aber sehr sehenswert: 


Denn während chemische Pestizide jahrelang als effiziente Methode galten, Schädlingen in der Landwirtschaft den Garaus zu machen, setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass sie auf lange Sicht auch Mensch und Umwelt schaden. Eine Alternative bietet die biologische Schädlingsbekämpfung, denn wer könnte Schädlinge effizienter bekämpfen als ihre eigenen natürlichen Gegner?

Im Film kommen Wissenschaftler aus aller Welt zu Wort, die entsprechende Forschungen betreiben. Sie arbeiten mit Schlupfwespen, die sich in die Eier des Zuckerrohrzünslers einnisten, oder auch mit Asiatischen Marienkäfern, die sich von Blattläusen ernähren - "kleine Soldaten" mit großer Wirkung, so lange sie nicht selbst überhand nehmen. In Indien wird ein solcher Ansatz bereits verfolgt: Ökologen haben dort Anbauflächen so umgestellt, dass die natürlichen Feinde der Schädlinge dort dauerhaft gute Lebensbedingungen vorfinden und gar nicht erst herangezüchtet werden müssen. In Europa investiert mittlerweile auch die Agrochemie in die Ideen. Doch die vielversprechenden Methoden sind noch nicht ausgereift - und bei weitem nicht unfehlbar...

Samstag, 27. März 2021

Brutpflege im Zeitraffer gefilmt

Das Institut für Bienenkunde in Oberursel hat die Brutpflege der Bienen gefilmt - vom Ablegen des Eis durch die Königin, über die Futtersaftgabe an die Larven durch die Ammenbienen bis zur Bienenbrotbearbeitung durch die Sammelbienen. Grundsätzlich wissen wir Imker ja, was passiert, aber das Ganze auch zu sehen, ist schon noch einmal etwas anderes...


So nett der Film für uns ist, so wurde er doch eigentlich für eine Studie erstellt, die die Folgen von Agrarchemikalien auf die Brutpflege untersucht. Die Autoren sind Paul Siefert, Rudra Hota, Visvanathan Ramesh und Bernd Grünewald. Durch eine zellinterne Analyse in Beobachtungsstöcken erforschten die Wissenschaftler die zwar subletalen - also nicht tödlichen -, dafür aber chronischen Effekte von Clothianidin und Thiacloprid auf die Entwicklung und das Verhalten der Arbeiterinnen.

Dafür setzten sie ganze Völker im Mai und Juni über drei Wochen lang einem Sirup aus, dem 10 ppb Clothianidin und 200 ppb Thiacloprid zugegeben worden war. Dadurch entwickelten sich die Larven langsamer als in anderen Völkern. Die Ammenbienen passten jedoch ihr Verhalten an. Sie kamen seltener zu Fütterungsbesuchen, blieben aber bis zum Verdeckeln der Brutzelle ebenso lange bei den Maden wie ihre Kolleginnen in unbelasteten Kolonien.

Wer mehr darüber erfahren möchte, kann die englischsprachige Studie hier finden.

Samstag, 15. August 2020

Petition "Schützt die Biene vor Gentechnik"

Die Aurelia Stiftung in Berlin, die sich für den Artenschutz - vor allem von Insekten - einsetzt, hat eine Petition gestartet, um Bienen vor Gentechnik zu schützen. Es wird von mehreren Umwelt- und Imkerorganisationen unterstützt, so auch vom Berufsimkerbund und dem Naturschutzring.



Mit dem Argument, die Bienen schützen zu wollen, greifen Forscher in deren Erbgut ein. Beim Genome Editing soll beispielsweise mit genveränderten Darmbakterien in das Immunsystem der Honigbiene eingegriffen werden, um sie vor Krankheiten zu schützen. Andere Wissenschaftler arbeiten daran, das Erbgut der Biene mit der Genschere CRISPR/Cas resistenter gegen Pestizide zu machen. Die Überlegungen gehen sogar so weit, Bienen gentechnisch so zu manipulieren, dass sie durch gezieltes Ein- und Ausschalten von Genen zur Bestäubung auf ausgewählte Felder gelenkt werden können. Dieser Gene Drive genannte Mechanismus könnte aber auch ganze Arten auslöschen.

Als offenstes aller landwirtschaftlichen Produktionssysteme ist die Imkerei besonders von der neuen Gentechnik betroffen. Vor dem Hintergrund aktueller Versuche mit gentechnisch veränderten Darmbakterien zur Bekämpfung von Bienenkrankheiten warnte unter anderem Randolf Menzel: „Da Bakterien außerordentlich schnell mutieren, lässt sich nicht ausschließen, dass sie ihre Wirkungen auf andere Tiere und den Menschen übertragen. Welche Auswirkungen damit verbunden sein können, ist nicht vorherzusehen. Aus diesen Gründen halte ich die Anwendung dieser Methode außerhalb des Labors für nicht verantwortbar.“


Zur Teilnahme an der Petition!

Die konkreten Forderungen der Petition sind auf den Punkt gebracht:
Schützt die Biene vor Gentechnik.
Das Gentechnik-Grundsatzurteil des EuGH darf nicht dereguliert werden.
Keine Freisetzungen gentechnisch veränderter Organismen, deren Ausbreitung nicht zuverlässig kontrolliert werden kann.
Keine Freisetzung von Gene-Drive-Organismen gemäß der Resolution des Europäischen Parlaments.

Dienstag, 4. August 2020

Spion im Bienenstock

Lauschangriff im Bienenstock: Ein Imker aus Landshut arbeitet mit an einem Forschungsprojekt, das untersucht, welche Auswirkungen Landwirtschaft und Pestizide auf Bienen haben. Dafür wurden Bienenstöcke mit einer speziellen Messtechnik ausgestattet.

Bild: Eva Huber / BR

Ein Spion im Bienenstock - so könnte man das nennen, was Imker Johannes Selmansberger aus Kapfing bei Landshut in einem seiner Bienenvölker installiert hat. Der Imker in Bayern öffnet den Bienenstock und zieht eine Wabe heraus, an dem ein Elektrokabel hängt. "Das ist die Messwabe", sagt er. Auf der Hälfte der Wabe wuseln Trauben von Bienen, die andere Hälfte besteht aus zwei Plexiglasscheiben, dahinter Drähte und sechs Messsonden. Die belauschen die Kommunikation der Bienen.

Wie bedroht sind Bienen und Insekten?

Johannes Selmansberger macht mit bei einem deutschlandweiten Forschungsprojekt. Bienen sind vielen Gefahren und Belastungen ausgesetzt: Pestizide, Monokulturen mit geringem Nahrungsangebot, die Varroamilbe, ein Schädling, der den Bienen zusetzt. Was für Auswirkungen hat das? Auf die Bienen aber auch auf andere Insekten?

Um das zu beantworten, hat der renommierte Bienenforscher Randolf Menzel rund 30 Imker in ganz Deutschland mit Forschungstechnik in Bienenstöcken ausgestattet, auch Johannes Selmansberger. Er erhofft sich, "ein bisschen Klarheit über das, was im Bienenstock abgeht. Ich will ein bisschen was lernen von meinen Bienen", sagt der Imker. Zwei Jahre arbeitet Selmansberger schon mit am Forschungsprojekt. Bisher hat er noch keine Rückmeldungen, keine Ergebnisse bekommen. Doch das ändert sich jetzt. Gleich spricht er mit Bienenforscher Randolf Menzel per Online-Meeting.

Bienen laden sich elektrostatisch auf

Und so funktioniert die Messtechnik im Bienenstock: Wenn Flugbienen zurück in den Stock kommen, erzählen sie anderen Bienen, wo sie gute Futterplätze erspäht haben, indem sie die Informationen tanzen: welche Richtung, welche Entfernung. Das ist der berühmte Schwänzeltanz. Wie die Bienen die Informationen aus dem Schwänzeltanz aufnehmen, hat viel mit Elektrotechnik zu tun. Bienen laden sich während des Flugs elektrostatisch auf. Kommt die Biene zurück in den Stock, hat sie unter Umständen eine Oberflächenspannung von bis zu 450 Volt. Wenn sie dann tanzt, nehmen die anderen Bienen die elektrostatischen Schwingungen auf. Auch die Messsonden greifen diese Signale ab. Sie belauschen so die Kommunikation der Bienen und messen, wie aktiv und vital das Bienenvolk ist. "Wenn ein Volk nicht aktiv ist, wenn ein Volk nur rumhängt, dann kann man das elektronisch messen, aber ich kann das nicht immer sehen", erzählt Imker Selmansberger: "Deshalb bin ich eben gespannt, was die Messungen ergeben."

Bild: FU Berlin

Die Daten werden auf Simkarten aufgezeichnet. Zwei Jahre schon schickt der Imker sie regelmäßig zu Bienenforscher Randolf Menzel an die Freie Universität Berlin. Der Professor forscht seit Jahrzehnten in Berlin über das Gehirn der Bienen und hat herausgefunden, dass Pestizide dramatische Auswirkungen haben können. Sie töten die Bienen zwar meist nicht sofort, aber die Pestizide lähmen die Gehirnaktivität so sehr, "dass sie nicht mehr richtig gut nach Hause finden, und vor allem, dass sie nicht mehr miteinander in normaler Weise kommunizieren. Vielleicht sogar das Kommunizieren ganz aufgeben", sagt Randolf Menzel.

Hinweise auf diese Gefahren lieferten bisher vor allem Studien an einzelnen Bienen. Wie sieht es aber unter realen Bedingungen in einem ganzen Volk aus? Um das herauszufinden, hat Menzels Team die Messtechnik im Bienenstock entwickelt. Das langfristige Ziel ist, dass die Bienen mit Hilfe der Kästen die Umwelt nach Gefahren ausspähen. Deshalb nennt Randolf Menzel sein Projekt "Umweltspäher": "Ein utopisches Ziel wäre, dass wir überall in ganz Deutschland lauter Umweltspäher-Kästen haben, die über das Internet uns mitteilen, ganz schnell, da geht’s uns gerade schlecht, da geht’s uns gut." 

Ohne Kommunikation wird das Volk geschwächt 

Sie seien aber noch lange nicht in der Nähe dieser Utopie, sagt der Bienenforscher. Doch erste Ergebnisse gibt es bereits. Ein Imker aus Brandenburg hat für Menzel zwei Mess-Bienenstöcke aufgestellt. Einer stand bei einer Streuobstwiese, die biologisch bewirtschaftet und deshalb nicht gespritzt wurde. Der andere Bienenstock stand in die Nähe einer Apfelplantage, auf der intensiv gespritzt wurde.

Die Bienen bei der Streuobstwiese tanzten und kommunizierten ausgiebig. Ganz anders bei der gespritzten Plantage: Dort hörten die Bienen komplett auf zu tanzen. "Wir haben einen richtigen Schreck bekommen", erzählt Bienenforscher Menzel: "Wir haben gedacht, mein Gott, also das ist ein Eingriff, der sozusagen auf die Essenz dieses Lebewesens trifft." Die fehlende Kommunikation kann das ganze Bienenvolk schwächen und es anfälliger für Krankheiten, harte Winter und andere Belastungen machen.

Diese Messung fand in Brandenburg statt, aber wie geht es den Bienen von Imker Selmansberger? Rund um seinen Wohnort in Kapfing im Landkreis Landshut gibt es einige Biolandwirte, und so manche natürliche Wiese. Eigentlich gute Voraussetzungen, doch Bienen fliegen kilometerweit, erzählt der Imker: "Wir haben da aber noch Felder, an denen natürlich auch viele chemische Mittel ausgebracht werden. Aber ich weiß jetzt nicht, beeinflussen die meinen Bienenstock oder beeinflussen sie ihn nicht."

Selmansberger geht in sein Arbeitszimmer und schaltet sich in die Videokonferenz mit Bienenforscher Menzel. Der hat gute Nachrichten: "Herr Selmansberger, ich kann Sie vor allem erstmal beruhigen. In der Zeit, in der wir die Daten ausgewertet haben, sind Ihre Bienen voll in Schuss. Sie sind sehr lebendig und kommunizieren und tanzen kräftig." Erleichterung beim Imker. Das decke sich mit seinen eigenen Beobachtungen. Aber er allein sei nicht der Maßstab, vielen Völkern gehe es nicht so gut: "In der Summe würde ich mir wünschen, dass die Imkerei wieder ein bisschen einfacher wird und dass man ein bisschen mehr Rücksicht auf die ganze Umwelt nimmt." 

Ziel: Frühwarnsystem für Umweltbelastungen

Die Datenmengen, die von den Umweltspähern bisher erfasst worden sind, sind riesig und noch dauert die Auswertung an. Doch die Hoffnung von Bienenforscher Menzel ist, daraus irgendwann ein Warnsystem zu entwickeln. Die Bienen spähen die Umwelt aus und weisen über ihren ausbleibenden Schwänzeltanz auf Gefahren und Belastungen hin, die nicht nur sie, sondern auch viele andere Insekten, Wildbienen und Hummeln treffen.

https://www.br.de/nachrichten/wissen/landshut-spion-im-bienen-stock-soll-gefahren-durch-pestizide-erkennen,S6J76zm?UTM_Name=Web-Share&UTM_Source=Link&UTM_Medium=Link

Mittwoch, 20. Mai 2020

Bericht zur Lage der Natur

Die Bundesregierung hat im Auftrag der EU für eine europaweit vergleichbare Analyse erstmals einen Bericht zur Lage der Natur in Deutschland erstellt. Vor allem der Landwirtschaft werden darin schlechte Noten ausgestellt. Ihre Intensivierung mit immer mehr Dünger, immer mehr Pestiziden und immer größeren Monokulturen nimmt demnach immer mehr Tieren den Lebensraum. 

Besonders kritisch sei die Lage für Schmetterlinge, Libellen und Käfer, kritisierte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bei der Vorlage des Berichts in Berlin. Aber auch bei Vögeln sei die Entwicklung dramatisch, "wir haben heute nur noch ein Zehntel der Rebhühner und Kiebitze, die wir vor 25 Jahren hatten". Dass die Landwirtschaft Schuld an dem Trend sei, zeige, dass die Vogelbestände in den Städten zunehme, während sie auf dem Land auffällig stark sinke.



Grundsätzlich attestierte Schulze nur einem Viertel der Natur einen gesunden Zustand. In 69 Prozent der Lebensraumtypen herrschten dagegen "ungenügende oder schlechte" Zustände. Nur eine Region wurde ausdrücklich als Ausnahme genannt: die Alpen.


Für den Bericht (Link zum Download der Ergebnisse) waren 14.000 Daten von Behörden und ehrenamtlichen Naturschützern der vergangenen sechs Jahre zusammengefasst und ausgewertet worden. Heute will die EU-Kommission ihre neue Biodiversitätsstrategie vorlegen. Mal sehen, wie lange Neonicotinoide und Co noch erlaubt bleiben.

Mittwoch, 8. April 2020

Pestizide stören Gehirnentwicklung von Bienenbabys

Forscher haben 100 Bienen aus verschiedenen Völkern getestet. Ergebnis: Jene, die Pestiziden ausgesetzt waren, hatten kleinere Gehirne. 


Es ist nicht mal so groß wie ein Stecknadelkopf, aber prall gefüllt mit einer Million Nervenzellen: Das Gehirn der Honigbiene zählt zu den kleinsten Gehirnen im Tierreich und dennoch zu den leistungsfähigsten. Jetzt ist es Forschern gelungen, Mikro-CT-Scans der Hirne von Babybienen zu machen. Und sie erhielten beispiellose Einblicke in die Entwicklung der grauen Masse der Bienen, wenn sie durch Pestizide belastet sind.

Fast 100 Bienen aus den verschiedenen Bienenvölkern wurden von den Forschern unter die Lupe genommen. Ergebnis: Jene Babybienen, die Pestiziden ausgesetzt waren, hatten kleinere Gehirne, wodurch sie später im Leben ihre Aufgaben schlechter erfüllen konnten. Dauerhaft und irreversibel

Studienmitautor Richard Gill vom Imperial College London sagte: "Beunruhigend ist in diesem Fall, dass, wenn junge Bienen mit Pestizid-kontaminiertem Futter gefüttert werden, Teile des Gehirns weniger wachsen, was dazu führt, dass sie auch als erwachsene Bienen kleinere und beeinträchtigte Gehirne besitzen – ein Effekt, der dauerhaft und irreversibel zu sein scheint." Folge: Die Bienen sind nicht in der Lage, Futter zu suchen.

Mikro-CT-Scan des Gehirns einer Babybiene 
© Bild: Dylan Smith / Imperial College London


Das Team, das seine Ergebnisse in den Proceedings of the Royal Society veröffentlicht hat, nutzte detaillierte Mikro-CT-Scans: Die Kolonie wurde mit einem Nektarersatz versorgt, der mit Pestiziden, den sogenannten Neonicotinoiden, versetzt war. Nach drei und nach zwölf Tagen wurde die Lernfähigkeit der Jungtiere getestet.

Der Vergleich mit unbelasteten Bienen ergab, dass die mit Pestiziden gefütterten eine deutlich verminderte Lernfähigkeit zeigten. Die Mikro-CT-Scantechnologie zeigte auch, dass bestimmte Teile eines Hummelgehirns anormal wuchsen, wenn sie während ihrer Larvenphase Pestiziden ausgesetzt waren.

Der Hauptautor der Studie, Dylan Smith, denkt, dass es sich um eine dauerhafte Wirkung handeln könnte: "Es gibt immer mehr Hinweise, dass sich Pestizide im Inneren von Bienenvölkern ansammeln können."

Sonntag, 5. April 2020

Podcast zum Insektenatlas (2/3)



Der zweite Teil des Podcasts zum diesjährigen Insektenatlas der Heinrich-Böll-Stiftung setzt sich mit der Ökologie auseinander. Vier Millionen Tonnen Pestizide landen weltweit alljährlich auf den Feldern - und bedrohen die Artenvielfalt und die Ökosysteme. Pestizide sind mitverantwortlich für das Insektensterben. Es werden Fragen aufgeworfen, wie wir das verhindern können und wie eine insektenfreundliche Landwirtschaft aussehen könnte.

Ein Podcast mit:
Peter Krenz, Geschäftsführer des Ökodorfs Brodowin
Bärbel Gerowitt, Professorin für Agrarwissenschaft in Rostock
Katrin Wenz, Agrarreferentin beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND)


Quelle: https://www.boell.de/de/media/soundcloud/insektenatlas-pestizide-23